Ein Bandscheibenvorfall muss meist nicht operiert werden
Ein Bandscheibenvorfall bedeutet nicht automatisch eine Operation. Der Körper baut das ausgetretene Gewebe in etwa 70 Prozent der Fälle von selbst ab. Mit einer Besserung der Beschwerden rechnen die Fachleute bei 80 bis 90 Prozent. Deshalb beginnt die Behandlung ohne Operation, solange keine deutliche Lähmung besteht. Ihre Ärztin kontrolliert dabei eng, wie sich die Beschwerden entwickeln.
Bei einem Bandscheibenvorfall drückt Gewebe der Bandscheibe auf eine Nervenwurzel. Dann strahlt der Schmerz ins Bein aus, an der Halswirbelsäule in den Arm. Oft kommen Kribbeln, Taubheit oder Schwäche im selben Bereich dazu. Für die Entscheidung über eine Operation zählen vor allem Lähmungen, die Stärke der Schmerzen und wie lange sie schon anhalten.
Das Ziel einer Operation ist, die Beschwerden im Bein zu lindern. Den Rückenschmerz zu behandeln, ist nicht ihr Ziel. Wer vor allem Kreuzschmerzen hat, sollte deshalb genau nachfragen, was die Operation bessern soll.
Wann ein Bandscheibenvorfall sofort operiert wird
Bei einigen Befunden warten die Ärzte nicht ab. Deshalb gehören eine plötzliche Lähmung oder eine Störung von Blase und Darm sofort in eine Klinik. Die Zeitfenster reichen von einer Operation so schnell wie möglich, spätestens nach 48 Stunden, bis zu einer Operation vor Ablauf der üblichen 6 bis 12 Wochen.
| Was Sie bemerken | Was dahintersteckt | Wie schnell operiert wird |
|---|---|---|
| Taubheit um After und Damm, Störung von Blase oder Darm, Schwäche in den Beinen | Druck auf das Nervenbündel im unteren Wirbelkanal, selten, etwa 1,8 Fälle je Million Einwohner | So schnell wie möglich, innerhalb von 48 Stunden |
| Unsicherer Gang, steife oder schwache Beine, Blasenstörung bei einem Vorfall an Hals- oder Brustwirbelsäule | Druck auf das Rückenmark | Unabhängig vom Schweregrad, innerhalb von 48 Stunden |
| Fuß, Bein oder Arm lassen sich nicht mehr gegen Widerstand bewegen | Deutliche Lähmung einer wichtigen Muskelgruppe | Baldige Operation empfohlen |
| Sehr starker Schmerz im Bein oder Arm, den auch Spritzen nicht lindern | Gereizte Nervenwurzel ohne Lähmung | Auf Ihren Wunsch auch vor Ablauf von 6 bis 12 Wochen möglich |
Wie lange Sie mit der Bandscheiben-OP warten können
Eine Studie aus den Niederlanden verglich 2007 eine Operation nach 6 bis 12 Wochen mit längerem Abwarten. Die Operierten hatten schneller weniger Beinschmerzen und erholten sich früher. Nach einem Jahr war der Unterschied verschwunden. Allerdings ließen sich 39 Prozent der Abwartenden im Lauf der Studie doch operieren.
Gegen langes Warten sprechen weitere Studien. Hielten die Beinschmerzen vor der Operation länger als 2 Monate an, fiel das Ergebnis schlechter aus. Nach mehr als 6 Monaten besserten sich die Beschwerden durch die Operation weniger stark. Daraus folgt die wichtigste Empfehlung der Fachleute. Bessert sich der Befund trotz konsequenter Behandlung nicht oder wird er schlechter, soll innerhalb von 6 bis 12 Wochen eine Operation geprüft werden.
Entscheidend ist dabei nicht der Schmerz in Ruhe. Es zählt, was Sie im Alltag und bei der Arbeit noch schaffen. Notieren Sie deshalb jede Woche Gehstrecke, Sitzdauer, Treppen, Schlaf und Arbeitsfähigkeit. Mit solchen Notizen gehen Sie bei allen Rückenschmerzen zum Facharzt besser vorbereitet ins Gespräch.
Welche OP-Verfahren beim Bandscheibenvorfall üblich sind
Bei der Operation entfernt die Chirurgin das Gewebe, das auf die Nervenwurzel drückt. Standard ist ein kleiner Schnitt, durch den sie unter dem Mikroskop arbeitet. Als Alternative gilt die Operation mit einem Endoskop, einem Rohr mit Optik von etwa sechs Millimetern Durchmesser. Damit lassen sich heute alle Bandscheibenvorfälle an der Lendenwirbelsäule erreichen.
Von Verfahren, die das Bandscheibengewebe mit einer Nadel durch die Haut schrumpfen sollen, raten die Fachleute einstimmig ab. Dazu gehören Laser, Hitze und Strom über eine Sonde. Für sie gibt es bisher keine ausreichenden Belege.
Zu den Risiken nennen die Fachleute Zahlen aus Studien. Komplikationen aller Art treten bei 6 bis 8 Prozent der Operationen auf. Die Haut um das Rückenmark wird bei etwa 5 Prozent verletzt, ein Nerv bei 3,9 Prozent. Ein erneuter Vorfall an derselben Stelle kommt bei 3 bis 18 Prozent vor, eine erneute Operation bei 7 bis 9 Prozent. Diese Spannen stammen aus verschiedenen Studien und ersetzen nicht das Gespräch über Ihr persönliches Risiko.
Nach der Bandscheiben-OP zurück in Bewegung
Nach dem Eingriff geht es darum, wieder belastbar zu werden. Bewegungstherapie ist nach der Operation möglich, je nachdem, wie belastbar Sie sind. Eine Auswertung mehrerer Studien zeigt, dass Bewegungstherapie ab 4 bis 6 Wochen nach der Operation Schmerz und Einschränkungen schneller senkt als keine Behandlung. Handgriffe der Manuellen Therapie an der operierten Stelle sollen mindestens 6 Wochen lang unterbleiben.
Für den Krankenhausaufenthalt zahlen Erwachsene 10 Euro je Tag dazu, höchstens für 28 Tage im Jahr. Ab Januar 2027 sind es 15 Euro je Tag. Zuzahlungen, die Sie im selben Jahr schon an die Rentenversicherung geleistet haben, werden angerechnet.
Woche 1 bis 2, Untersuchung
Die Praxis prüft Kraft, Reflexe und Gefühl und fragt nach Warnzeichen. Ohne Lähmung und Gefühlsstörung braucht es in den ersten 2 Wochen kein Bild.
Danach, MRT bei anhaltenden Beschwerden
Halten die Beschwerden an, ist ein MRT die erste Wahl. Es zeigt Bandscheibe und Nerven ohne Strahlung.
Woche 6 bis 12, Prüfung der OP
Bessert sich nichts oder wird es schlechter, prüft die Ärztin eine Operation. Maßstab ist Ihre Belastbarkeit im Alltag, nicht der Schmerz in Ruhe.
Vor dem Eingriff, Zweitmeinung
Die Praxis weist Sie in der Regel mindestens 10 Arbeitstage vorher auf Ihr Recht auf eine Zweitmeinung hin.
6 Fragen vor der Zustimmung zur Bandscheiben-OP
Vor einer planbaren Operation an der Wirbelsäule haben gesetzlich Versicherte Anspruch auf eine unabhängige Zweitmeinung. Die Entfernung von Bandscheibengewebe gehört ausdrücklich dazu. Fragen Sie außerdem nach der Erfahrung der Klinik und prüfen Sie die Qualifikation des Wirbelsäulenzentrums, in dem Sie operiert werden sollen.
- Fragen Sie, welcher Befund im MRT zu welcher Ihrer Beschwerden passt und welche Nervenwurzel betroffen ist.
- Fragen Sie, was die Operation bessern soll, den Beinschmerz, die Kraft oder den Rückenschmerz.
- Fragen Sie nach der geplanten Technik und wie oft die Abteilung diesen Eingriff im Jahr macht.
- Lassen Sie sich über Ihr Recht auf eine Zweitmeinung aufklären und nutzen Sie die 10 Arbeitstage.
- Klären Sie die Nachbehandlung, also wann die Bewegungstherapie beginnt, wer sie aufschreibt und wann Sie wieder arbeiten können.
- Klären Sie bei einem Arbeitsunfall als Ursache vor dem Eingriff, wer die Kosten trägt.
Hängt der Vorfall mit einem Arbeitsunfall oder mit jahrelanger schwerer Arbeit zusammen, kann statt der Krankenkasse die Berufsgenossenschaft zuständig sein. Lassen Sie sich in diesem Fall beraten, bevor Sie zustimmen.
Haben Sie eine Störung von Blase oder Darm, Taubheit um After und Damm oder eine zunehmende Lähmung beider Beine?
Das ist ein Notfall, und die Operation soll innerhalb von 48 Stunden erfolgen, möglichst schneller. Fahren Sie sofort in eine Klinik mit Wirbelsäulenchirurgie.
Können Sie Fuß, Bein oder Arm nicht mehr gegen Widerstand bewegen?
Die Fachleute raten zur baldigen Operation. Lassen Sie das in einer Wirbelsäulensprechstunde prüfen.
Halten die Beschwerden trotz konsequenter Behandlung länger als 6 bis 12 Wochen an?
Jetzt prüft die Ärztin eine Operation. Bringen Sie Ihre Notizen mit und holen Sie eine Zweitmeinung ein.
Die Behandlung ohne Operation geht weiter. Bei 80 bis 90 Prozent bessern sich die Beschwerden.
Häufige Fragen
Muss ein Bandscheibenvorfall operiert werden?
Ein Bandscheibenvorfall muss in den meisten Fällen nicht operiert werden. Die Beschwerden bessern sich bei 80 bis 90 Prozent ohne Operation, und das ausgetretene Gewebe baut sich in etwa 70 Prozent der Fälle ab. Ohne Besserung prüft die Ärztin innerhalb von 6 bis 12 Wochen eine Operation.
Wann ist ein Bandscheibenvorfall ein Notfall?
Ein Bandscheibenvorfall ist ein Notfall, wenn Blase oder Darm plötzlich nicht mehr funktionieren, Sie um After und Damm taub werden oder die Lähmung zunimmt. Dann soll innerhalb von 48 Stunden operiert werden, möglichst schneller. Dieser Notfall ist selten, er kommt bei etwa 1,8 Fällen je Million Einwohner vor.
Wie lange kann ich mit einer Bandscheiben-OP warten?
Mit einer Bandscheiben-OP können Sie ohne deutliche Lähmung 6 bis 12 Wochen warten und in dieser Zeit ohne Operation behandeln. Bessert sich nichts, prüft die Ärztin dann eine Operation. In Studien fiel das Ergebnis schlechter aus, wenn die Beinschmerzen vor der Operation länger als 2 Monate bestanden hatten.
Ist eine Bandscheiben-OP auch für Rückenschmerzen gedacht?
Nein, eine Bandscheiben-OP soll vor allem die Beschwerden im Bein lindern. Den Rückenschmerz zu behandeln, ist nicht ihr Ziel. Wer vor allem Kreuzschmerzen ohne Ausstrahlung ins Bein hat, sollte vor der Entscheidung genau nachfragen, was die Operation bessern soll.
Empfehlen Ärzte eine Laser-Behandlung beim Bandscheibenvorfall?
Nein, von Laser und anderen Verfahren, bei denen eine Nadel durch die Haut die Bandscheibe schrumpfen soll, raten die Fachgesellschaften einstimmig ab. Für diese Verfahren gibt es keine ausreichenden Belege. Standard ist die Operation unter dem Mikroskop, als Alternative die Operation mit dem Endoskop.
